Wer braucht eine Buchmesse?

Wie jedes Jahr präsentieren Verlage und Autor_innen auf der „Buch Wien“ Neuerscheinungen und Altbewährtes. Doch inmitten der vollen Bücherregale und zwischen Podiumsdiskussionen fragt man sich nicht nur einmal, ob das Konzept dieser Buchmesse noch aktuell ist.

Sonntag, der 10. November. Die Wiener Buchmesse erlebt ihren letzten Tag und auch wenn die Halle gut gefüllt ist, spürt man: Irgendwie ist die (warme, stickige) Luft draußen. Die wichtigsten Reden sind bereits gehalten worden, ebenso wie die interessantesten Diskussionen. Die Vorfreude und spätere Geschäftigkeit der Standsbetreiber_innen weicht einer beinahe lethargischen Grundstimmung. Um die großen Verkäufe wird es heute nicht mehr gehen, eher darum, die sicherlich anstrengenden Messetage zu einem Ende zu führen.

Gemütlich, die Stimmen von Hunderten anderen Besucher_innen  zu einem Hintergrundrauschen verschmolzen,  legt man Meter um Meter zurück, trinkt dabei einen sehr teuren aber ebenso notwendigen Kaffee und versucht einen Überblick zu bekommen. Besonders präsent sind nebst Lifestylebüchern und dem Thalia Minimarkt vor allem die Stationen für Kinder. Da gibt es gratis Frisuren für Vorlesen, die Kleinen und Großen sitzen lesend, zeichnend, oder am Handy spielend auf dem Fußboden. Auf der restlichen Messe sind die einzelnen Verlage rasterförmig angeordnet.

© Fotostudio Richard Schuster

Ein Stand gleicht dem nächsten – nur die Größe und der Name bieten Unterscheidungsmerkmale. Auf besondere Dekoration oder gar ausgefinkelte Werbemittel greift hier kaum jemand. Lediglich der Falter-Wagen sticht hervor, ebenso wie das Alien des Sci-Fi Verlags Villa Fantastica. In diesem Sinne verweilt man auch eher bei den bereits bekannten Verlagen und schenkt den anderen höchstens kurz Aufmerksamkeit. Aufgebrochen wird die Monotonie durch die Lesungen und Diskussionen auf den in der Halle verteilten Bühnen. Doch gehen diese eigentlich komplett unter: Die Namen der Vortragenden auf den Leinwänden sind zu klein, als dass man sie selbst aus kleinerer Distanz lesen könnte und irgendwie fehlt es hier einfach an Pepp. Immerhin sollte auch ein Gast, der das Programmheft nicht kennt, sich orientieren können und angesprochen fühlen. Letztlich bedeutet das, dass man nur nach vorhergehender Recherche oder zufälligem Zuhören und Anschauen der Auslagen auf neue spannende Lektüre stößt.

Was kann also diese Buchmesse bieten, das herkömmliche Buchhandlungen oder das World Wide Web nicht können? Ist sie ein Relikt aus der vordigitalen Zeit, längst überholt und nicht mehr aktuell? Kann man überhaupt noch einen Mehrwert daraus ziehen? Für die Messe spricht jedenfalls der soziale Aspekt, denn Menschen können hier gemeinsam flanieren und schmökern, sich mit Buchhändler_innen unterhalten und möglicherweise das neueste Buch der liebsten Autorin live vor Ort vorgestellt bekommen. Im Vergleich zu einer Buchhandlung ist die Auswahl um einiges größer und die Verlage bekommen eine Möglichkeit, ihre eigene Identität zu präsentieren, das penibel zusammengestellte Programm Buchrücken an Buchrücken in den Regalen zur Schau gestellt.

Auslage des Milena Verlags © K. Chai

Allerdings lässt die Präsentation einiges zu wünschen übrig. Die Webseiten der Verlage und Autor_innen brillieren in leuchtenden Farben, auf sozialen Netzwerken debattiert die internationale Leser_innenschaft über die neusten Werke und sucht nach Schnäppchen. Dagegen wirkt die Buchmesse verstaubt und nicht zeitgemäß. Zwar passiert der Akt des Lesens in den Köpfen der Menschen und doch kann ein Buch im Regal nicht für sich selbst sprechen. In einer Zeit von ausgefinkelten Marketingstrategien und Produktdesign, ist es nicht integer oder „irgendwie cool und retro“ beim Vertrieb von Literatur auf all das zu verzichten. Bei den Massen an Neuerscheinungen jedes Jahr und auch bei der Anzahl von verschiedenen Verlagen, müssen Unterscheidungsmerkmale geschaffen werden, die über den Namen und das Layout des Programmheftes hinausgehen.

Zwischen einer klassischen Buchhandlung und Onlinemarketing angesiedelt, erfüllt die „Buch Wien“ letztlich weder die Voraussetzungen für das eine noch das andere. Für die meisten Konsument_innen ist eine Sortierung der Bücher nach Verlagen statt Genres sehr unüblich. Dies kann die Suche nach einem neuen Roman oder Sachbuch schwierig gestalten, wenn man nicht genau weiß, welcher Verlag auf die gesuchte Lektüre spezialisiert ist. Das Kennenlernen der Verlage ist hingegen ebenso schwer möglich, da sich die Stände kaum voneinander unterscheiden und dem Anschein nach wenig Wert auf ihr Auftreten legen. Auch die anwesenden Mitarbeiter_innen wirken eher wie (nicht allzu enthusiastische) Verkäufer_innen denn als Träger_innen eines Brands. Für die Lesungen schließlich mag es sich lohnen, die Buchmesse aufzusuchen. Allerdings bedienen diese meist ein bereits wohlwollendes Stammpublikum und kaum „Laufkundschaft“. Aus den Ausschreibungen geht nicht klar hervor, wieso ein bestimmtes Werk nun besonders oder ein/e Autor_in interessant sein soll. Informiert man sich im Vorfeld über das Programm, kann man mit Sicherheit viel aus der Erfahrung mitnehmen; als Person auf der Durchreise hingegen erheischt kaum ein Stand oder Event wirklich die Aufmerksamkeit.

Einige Stunden, zwei Getränke und einen Reclam-Buchkauf später, ist kaum ein Eindruck aus der „Buch Wien“ wirklich hängen geblieben. Ob sich der Besuch der Messe im kommenden Jahr lohnt, wird sich zeigen. Ein Foto mit dem Alien von der Villa Fantastica ist allerdings ein schönes Mitbringsel.

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten